Die UNO am Scheideweg

31. Aug. 2026 | Gastbeitrag, Ressourcen

Viele Länder haben der UNO ihre finanziellen Zuwendungen gekürzt, andere entsagen der multilateralen Weltordnung ihre ideelle Unterstützung. Notgedrungen musste UN-Generalsekretär António Guterres einen aufwändigen und tiefgreifenden Reformprozess anstossen: Unterorganisationen verschwinden, Expert:innen werden entlassen, Programme gestrichen und die Nothilfe reduziert. Die UNO befindet sich im Krisenmodus – und mit ihr die Welt.

80 Jahre nach ihrer Gründung steht die UNO vor mächtigen Herausforderungen: Kriege und geopolitische Spannungen, Hunger und unterschiedliche Vorstellungen über die internationale Ordnung belasten die Organisation. Gleichzeitig wird ihre Handlungsfähigkeit regelmässig ausgebremst, etwa wenn sich Länder weigern, Konflikte zu verhindern oder humanitäre Krisen einzudämmen. Dennoch: Die Geschichte der UNO zeigt, dass sie sich immer wieder an neue Bedingungen anpassen kann. Probleme und Reformen gehören zu ihrem Alltag. Die Krise als Arbeitsmodus sozusagen.
Die UNO-Charta, die von ihren Mitgliedern fordert, dass sie die Menschenrechte schützen, das Völkerrecht achten, die kollektive Sicherheit garantieren und gemeinsame Antworten auf globale Herausforderungen wie Armut, Hunger, Entwaldung, Wüstenbildung und Epidemien entwickeln, wurde bisher nur wenige Male geändert. Denn die Hürden für Anpassungen sind hoch, weil neben einer Mehrheit der Mitgliedstaaten auch alle ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats – die grossen Mächte nach dem zweiten Weltkrieg, USA und Sowjetunion (heute Russland), Grossbritannien, China und Frankreich – zustimmen müssen. Das war der Fall, als der Sicherheitsrat und der Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) in den 1960er- und 1970er-Jahren erweitert wurden, nachdem die Zahl der Mitgliedstaaten durch die Entkolonialisierung stark angestiegen war.

Gründung von Unterorganisationen
Mit den neuen Ländern, insbesondere aus Afrika und Asien, veränderten sich die politischen Prioritäten der Organisation: Entwicklungsfragen, soziale Themen und wirtschaftliche Zusammenarbeit gewannen an Bedeutung. Dabei entstanden neue Institutionen wie das Welternährungsprogramm WFP (Gründung 1961), das heute weltweit die grösste humanitäre Organisation ist, die Hunger bekämpft und Menschen in Krisengebieten unterstützt. 1964 kamen die Handels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD und die Weltgesundheitsorganisation WHO hinzu, 1965 das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP und 1972 das Umweltprogramm UNEP.
Hinzu kamen auch die Blauhelm-Einsätze, die in der Charta ursprünglich nicht vorgesehen waren. Sie entstanden als praktische Antwort auf internationale Konflikte wie die Suezkrise von 1956. Aus einer improvisierten Lösung entwickelte sich im Verlauf der Jahrzehnte ein zentrales Instrument der internationalen Friedenssicherung.

Institutionelle Fragen der Effizienz und Legitimation
Die UNO ist ein komplexes System aus zahlreichen Sonderorganisationen, Programmen und Gremien. Kontinuierlich mussten Strukturen vereinfacht, Kompetenzen gebündelt und die Verwaltung effizienter gestaltet werden. Die Generalsekretäre der letzten Jahrzehnte versuchten, die Organisation stetig an neue Anforderungen anzupassen.
Eine heisse Kartoffel bleibt die Reform des Sicherheitsrats. Sie wird seit Jahren diskutiert. Dessen Zusammensetzung ist nicht mehr zeitgemäss, da die ständigen Sitze weiterhin die Machtverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg widerspiegeln und Länder des globalen Südens und insbesondere Afrika und Lateinamerika nicht dauerhaft vertreten sind. Trotz zahlreicher Reformvorschläge konnten sich die Mitgliedstaaten bislang nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen. Unterschiedliche Interessen und die Tatsache, dass die mächtigsten Länder an Einfluss verlören, haben eine grundlegende Reform bisher verunmöglicht.

Wandel bei Inhalten und Normen
Nebst institutionellen Anpassungen entwickelten sich auch die Inhalte und Normen der UNO weiter. So wurde z.B. der Sicherheitsbegriff schrittweise ausgeweitet: Während ursprünglich zwischenstaatliche Konflikte im Mittelpunkt standen, beschäftigen sich die Vereinten Nationen heute auch mit organisierter Kriminalität und Terrorismus, mit Artenschwund und Klimawandel oder mit Ernährungskrisen und Pandemien. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Frieden und Sicherheit eng mit sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen zusammenhängen. Die Nachhaltigkeitsziele der UNO, sie sogenannten SDGs der Agenda 2030 aus dem Jahr 2015, spiegeln dieses umfassendere und systemische Verständnis globaler Entwicklung und Stabilität wider.
Ein weiteres Beispiel für normativen Wandel ist das Konzept der internationalen Schutzverantwortung. Es entstand als Reaktion auf das Versagen der internationalen Gemeinschaft angesichts von Völkermord und Massenverbrechen in den 1990er-Jahren (Ruanda 1994 oder Bosnien/Srebrenica 1995): Das Konzept besagt, dass die internationale Gemeinschaft handeln müsste, wenn Regierungen ihre Bevölkerung nicht vor schwersten Menschenrechtsverletzungen schützen können oder wollen. Das Prinzip der sogenannten Responsibility to protect (auch bekannt unter R2P) bleibt umstritten, zeigt jedoch, wie sich die Vereinten Nationen bemühen, auf neue politische Herausforderungen zu reagieren.

Reorganisation, Entlassungen und Jobverlagerungen
Die UNO ist oft langsamer und weniger handlungsfähig, als viele erwarten oder sich erhoffen. Gleichwohl ist die Organisation bemerkenswert widerstandsfähig, innovativ und effektiv geblieben: Sie hat die Wirren des Kalten Kriegs überdauert, hat ihre Mitgliederzahl ausgeweitet und neue Aufgaben übernommen, z.B. die gemeinsame Erarbeitung von Lösungen, um den Klimawandel einzudämmen. Ebenfalls gelang es der UNO, unter ihrem Dach die bahnbrechenden Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zu verabschieden und mit dem Zukunftspakt zu bekräftigen. Die UNO ist deshalb weit mehr als nur ein Forum für diplomatische Gespräche – sie ist schlicht unentbehrlich für unser aller Zusammenleben und für eine tragfähige Zukunft.
Doch aktuelle Krisen setzen den Vereinten Nationen zu: Trumps offenkundige Geringschätzung der UNO, der brutale Angriff Vladimir Putins auf die Ukraine (2014 und 2022) und eskalierende Konflikte im Nahen Osten und im Sudan. Auch die Folgen der Corona-Pandemie sowie der weltweite Verlust von Biodiversität und kriegs- und klimabedingte Vertreibung oder Herausforderungen in den Bereichen Digitalisierung und KI zeigen die Grenzen bestehender UN-Strukturen auf. Gleichzeitig machen all diese Krisen aber auch deutlich: Die internationale Zusammenarbeit und multilaterale Lösungen sind mehr denn je nötig.
Weil die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit weltweit eingebrochen ist, stand bereits die UNO-Generalversammlung vom letzten Jahr unter sehr schwierigen Vorzeichen; die bevorstehende im September 2026 dürfte noch herausfordernder werden. Geopolitische Spannungen haben noch einmal zugenommen. Derweil zeigt sich, wie einschneidend und schmerzlich der angestossene Reformprozess UN80 unter dem aktuellen UN-Generalsekretär António Guterres ist: Jede fünfte Stelle im Sekretariat wurde bereits gestrichen. 220 Stellen wurden aus Standorten mit hohen Kosten wie New York und Genf auf andere Standorte verlagert; hinzu kommen etwa 1900 weitere eingesparte Stellen im gesamten UN-System. Gleichzeitig haben sich bürokratische Abläufe dank der Digitalisierung UN-weit verbessert und das humanitäre Hilfssystem für Afghanistan, Haiti, Somalia, Sudan und die besetzten palästinensischen Gebiete wird vereinheitlicht und effizienter gestaltet.

Auch der Schweizer UNO-Standort wird geschwächt
Beim UNO-Standort in Genf sind das Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), die Internationale Organisation für Migration (IOM), das Büro für Menschenrechte (OHCHR), die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sowie die Weltgesundheitsbehörde WHO und das Entwicklungsprogramm UNDP zur weltweiten Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele SDGs von Sparmassnahmen, Entlassungen und Stellenverlagerungen betroffen.
Zwar ist Genf als Ort für nachhaltige Entwicklung, humanitäres Engagement und internationale Friedensverhandlungen bekannt. Doch die Kürzungen zahlreicher Regierungen bei der Entwicklungshilfe sowie der Trend, dass Städte wie Doha, Istanbul oder Kairo sich als starke Konkurrenten für internationale Gipfelgespräche etablieren, schwächen das internationale Genf und die Stellung der Schweiz in der Welt. Umso unerklärlicher ist es für versierte Beobachter:innen, wohltätige Stiftungen und ausgewiesene Expert:innen, dass die Schweiz ihre internationale Zusammenarbeit ebenfalls schwächt und zusammenstreicht.
Kaum je war die Lage der UNO prekärer als heute. Der aktuelle Chef tritt noch dieses Jahr ab. Es ist sehr zu hoffen, dass es dem Nachfolger oder der Nachfolgerin gelingt, die Vereinten Nationen und die multilaterale Ordnung zu retten und in ein neues Zeitalter nachhaltiger, friedlicher und gerechter Entwicklung zu überführen. Alles andere ist schlicht zu gefährlich für die Menschen und die Welt.

Foto: Yerpo

Portrait Rianne Roshier
Patrik Berlinger

Verantwortlicher Politische Kommunikation, Helvetas

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